Video: Enthüllung einer Gedenktafel anlässlich des 200. Geburtstages von Rabbiner Abraham Geiger in Berlin

Video Feature on the Abraham Geiger College, DW World, January 2007

Reportage über die Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg, Deutsche Welle, Januar 2007

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Neues Deutschland, 28/29.02.04

Josefs bunter Manltel
von Hartmut Bomhoff

Was habe ich mit dem Judentum gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir selbst gemeinsam«, heißt es zu Beginn des neuen Fotobandes »Diaspora. Heimat im Exil« von Frederic Brenner. Das Kafka-Zitat ging mir nicht mehr aus dem Sinn, als ich unter all den Bildern auch auf mein eigenes Porträt stieß: ein blasses Gesicht hinter Glas, aufgenommen am Potsdamer Platz im Winter vor drei Jahren. Typisch deutsch, gemessen an den übrigen Aufnahmen aus der früheren Sowjetunion, aus Lateinamerika, China oder auch Äthiopien, die der studierte Sozialanthropologe aus Paris in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren gesammelt hat. Was aber ist andererseits »typisch jüdisch«, was »typisch deutsch«? »Juden sind wie alle anderen, nur in viel stärkerem Maße«, zitiert Brenner Mark Twain - nur dass wir das nicht immer wahrhaben wollen. Ich erinnere mich noch an die ärgerliche Besetzungspolitik für Margarethe von Trottas Film »Rosenstraße«: Nazis und andere Deutsche kräftig und blond, Juden schmächtig und dunkel - als würden blonde Juden und dunkle Deutsche das hiesige Kinopublikum überfordern. Die gut 80 000 Fotos, die Frederic Brenner auf seiner jüdischen Reise gemacht hat, zeigen, dass das Judentum viele Gesichter hat und dass jüdische Identität fließend ist. Brenner fotografiert, um Klischees zu zerstören - er teilt damit den Ansatz des Diaspora-Museums in Tel Aviv, in dem der Besucher gleich am Eingang auf eine große Fotowand trifft, auf der jede denkbare Physiognomie und jede Farbe vertreten ist: voilá, das jüdische Volk.

Einheit in der Vielfalt

Was macht mein Judentum eigentlich aus? Eine Frage, die sich viele Angehörige der zweiten und dritten Generation nach der Schoa stellen, die sich nicht allem über die Verfolgungsgeschichte ihrer Familien definieren mögen, denen Israel bei aller Liebe fern ist und die in unserer säkularisierten Gesellschaft aufgewachsen und auch nicht religiöser als ihre nichtjüdischen Nachbarn sind. Wir sind keine Displaced Persons mehr, keine Wanderer mit der Torah als unserem »Deportation Vaterland«, wie Heine es einst nannte - und im übrigen empfanden sich die Überlebenden im Familien- und Freundeskreis schon immer als die besseren Deutschen. Ich selbst war mir meiner selbst lange Zeit nicht sicher, und fand mich mit Freunden, die ebenfalls zwischen den Stühlen saßen, im Verein »Gescher«, Forum für Diasporakultur, zusammen. »Gescher« heißt Brücke: Wir wollten Brücken schlagen zu anderen jüdischen Gruppierungen, aber auch zu den übrigen Minderheiten in Berlin. Dieser Prozess der Selbstvergewisse-rung führte 1998 zur Tagung »Galut 2000 - Aufbrüche zu einer europäisch-jüdischen Identität« im Berliner Centrum Judaicum.

Unsere Visionen von einem künftigen europäischen Judentum als dritte Säule neben Israel und der jüdischen Gemeinschaft in den USA, von Selbstbewußtsein anstelle von Galut, dem Exil, wichen aber bald der Ernüchterung. Steht die vielbeschworene jüdische Renaissance nicht auf tönernen Füßen? Was ist denn das jüdische Erbe Europas? Klezmer-Konzerte und jüdische Kulturtage zeugen doch zunächst nur von einem virtuellen Judentum, das zudem oft von Nichtjuden inszeniert wird. Geblieben ist die Frage, in welche jüdischen Traditionen wir uns denn heute stellen - eine Frage, die auch für die 167000 Kontingentflüchtlinge aus der früheren Sowjetunion gilt, die inzwischen in Deutschland zu Hause sind und sich hier deutsche Alltagskultur und jüdische Religionspraxis aneignen, ja sich quasi neu erfinden müssen.
Ertrag der Aufklärung.

Die Frage nach dem Wesen des Judentums ist dabei nicht neu. Schon in den innerjüdischen Debatten vor der Schoa, in Hermann Cohens »Deutschtum und Judentum«, in Moritz Goldsteins »Deutschjüdischer Parnass« und »Wir und Europa«, in den Aufsätzen von Martin Buber und Franz Rosenzweig kommen all die Fragen, Ambivalenzen und Dilemmata zur Sprache, die uns auch heute umtreiben. Man liest dabei mit Wehmut und Staunen von der Vielfalt jüdischen Lebens, die damals ganz alltäglich war. »Von Berlin geht die Lehre aus«, hieß es scherzhaft in Anlehnung an Jesaja 2,3, und tatsächlich haben die Wissenschaft des Judentums und der Kultlirzionismus sowie die Auffächerung des Judentums in seine verschiedenen Konfessionen hier ihren Ursprung.

Nicht dass die jüdische Religion jemals monolithisch gewesen wäre: die rabbinische Tradition weiß von den siebzig Gesichtern der Tora, also von einer Vielzahl von Lesarten und Bedeutungen. Auch das Religionsgesetz, die Halacha, erlaubt unterschiedliche Auslegungen; es gibt ohnehin wesentliche halachische Unterschiede zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen im Judentum, und die widersprüchlichen Meinungen der Rabbiner haben ihren Niederschlag in einer umfangreichen Responsenliteratur gefunden - Austausch von Gelehrten über halachische Probleme - die noch immer fortgeschrieben wird. Um es mit einem biblischen Bild zu sagen: jüdische Religion und jüdische Identität sind ein buntes Kleid, so wie der Mantel Josefs.

Immanuel Kant hat die Aufklärung als »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« definiert. Diese Unmündigkeit besteht auch darin, nicht auf kritische Distanz zur eigenen Identitäten und der Etikettierung durch unser Gegenüber zu gehen. Anfang des 19. Jahrhunderts fragten sich mehr und mehr Juden, wie die überkommenen Traditionen mit dem neuen Universalismus in Einklang gebracht werden könnten. Das Judentum, das aus seiner abgeschlossenen Lebenswelt in die bürgerliche Gesellschaft eintrat, musste nun im Wettbewerb mit der christlichen Umgebung seinen ganz eigenen Wert beweisen. Die »Wissenschaft des Judentums« wurde zum säkularen Versuch, eine moderne jüdische Identität zu etablieren.

Die akademische Erkenntnis von der historischen Entwicklung des jüdischen Zeremonialgesetzes ermöglichte die Reform des religiösen Rituals: »Die Gottesdienste sind nun würdiger, es wird eine moralisch erbauliche Predigt in deutscher Sprache gehalten, einige Gebete werden eher auf Deutsch als auf Hebräisch gesprochen, eine Orgel begleitet die Feier, und gewisse Gebete, insbesondere diejenigen, die von der Hoffnung auf die Rückkehr ins Land Israel, vom Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und der Wiedereinführung des Opferdienstes handeln, werden ganz und gar weggelassen«, fasst Michael A. Meyer, der Historiker der jüdischen Reformbewegung, diese Entwicklung hin zur heute weltweit stärksten religiösen Richtung im Judentum zusammen. Mit »Judaism light« hat dies nichts zu tun.

Tatsächlich ist uns liberalen Juden und Jüdinnen, die nicht an eine buchstäbliche Offenbarung am Berg Sinai glauben können, sondern die Gotteserfahrung in jeder Generation neu in aktuelle Bezüge stellen, die moralische Botschaft der biblischen Propheten und die eigene Gewissensentscheidung wichtiger als das unreflektierte Befolgen der sechshundertdreizehn Gebote. Es gibt aber keine »Reform-Halacha«, und selbst die Einführung von Musikinstrumenten in den Gottesdienst, die manch Orthodoxen so erbost, entspricht ganz der jüdischen Tradition: Der Talmud (Berachot 28 b und Sanhedrin 39 b) lehrt, dass jeder würdige Brauch, wo immer er auch zu finden ist, übernommen werden darf, wenn er Andacht und religiöse Einkehr fördert. Die Symbolfigur des deutschen Judentums, Rabbiner Dr. Leo Baeck (1873-1956) befand dazu treffend: »Den Orthodoxen macht der Schulchan Aruch (das religionsgesetzliche Kompendium) vieles leichter, nur scheinbar schwerer: er hat die fertige Antwort. Er hat die fertige Entscheidung, er weiß in jeder Stunde, was er tun soll Liberal zu sein ist so viel schwerer.«

Im Herbst 1995 kam es in meiner Heimatstadt Hannover zu einer Zerreißprobe: Der damalige Landesrabbiner von Niedersachsen hatte an Simchat Tora, dem Tag der Gesetzesfreude, im Gottesdienst einer Frau wie selbstverständlich eine Torarolle in den Arm gelegt. Das war für viele ein Zeichen der Hoffnung, für orthodoxe Gemeindemitglieder ein Skandal. Rabbiner Henry G. Brandt musste sein Amt in Hannover aufgeben und wechselte nach Westfalen, während 79 Jüdinnen und Juden ihre Gemeinde verließen, um sich eine Alternative zu schaffen. Die neugegründete Liberale Jüdische Gemeinde Hannover zählt inzwischen über 400 Mitglieder.

Religiöse Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist seit jeher eine der Stärken des liberalen Judentums. Als die Bankierstochter und Sozialarbeiterin Lily H. Montagu 1928 in Berlin als erste Frau in Deutschland in einem öffentlichen Gottesdienst predigte, da war das noch eine Sensation. Doch der Funke sprang über: Es war für viele Frauen höchste Zeit, von den Synagogenemporen herabzusteigen und aktiv in das Gemeindeleben und den Gottesdienst einzugreifen. Die 1874 von Rabbiner Dr. Abraham Geiger (1810-1874) begründete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin zählte mehr und mehr weibliche Studenten, und 1930 erschien dort die Abschlussarbeit von Fräulein Regina Jonas: »Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?«. Fünf Jahre später erhielt Regina Jonas (1902-1944) nach zähem Ringen um Anerkennung ihre eigene Ordinationsurkunde: als erste Rabbinerin weltweit.

Inzwischen ist die Frauenordination im liberalen Judentum gang und gäbe, und auch das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam, das erste Rabbinerseminar in Deutschland nach der Schoa, nimmt natürlich Studentinnen auf.

Judentum im Aufbruch

Liberale Positionen werden in den jüdischen Einheitsgemeinden hier zu Lande gerne als Abweichlertum abgetan. Abweichung wovon? Das Prinzip der jüdischen Finheitsgemeinde war im 19. Jahrhundert vom Staat durchgesetzt worden, der vor Ort immer nur eine jüdische Gemeinde anerkannte. Unter deren administrativen Dach sollten alle religiösen Richtungen die Möglichkeit zur Entfaltung haben. So gab es 1933 in Berlin 16 Gemeindesynagogen, von denen sieben den »alten Ritus« und neun den »neuen Ritus« pflegten; daneben bestand noch die orthodoxe Austrittsgemeinde Adass Josroel.

Heute funktioniert dieses Miteinander ansatzweise nur in Berlin; anderenorts verwechselt man den Begriff »Einheitsgemeinde« gerne mit »einheitlich orthodox«, ohne zu wissen, wie man diesen Begriff mit Leben füllen könnte. Man liest etwa auf der Website der Jüdischen Gedeutet, dass alle religiösen Richtungen respektiert werden... Die Gottesdienste entsprechen dem orthodoxen Ritus.«

Die jüdische Lebenswelt dieser Art von Orthodoxie liegt irgendwo zwischen Ghetto und Folklore, und es kann nicht wundern, dass sich mehr und mehr Juden und Jüdinnen unter dem Dach ihrer orthodox ausgerichteten Einheitsgemeinden nicht mehr heimisch fühlen. Diejenigen, denen es nicht genügt, auf Tradition und Ritual zu beharren, und die im Judentum auch Antworten auf Gegenwartsfragen suchen, die finden so wie vor zweihundert Jahren im liberalen Judentum ihr Zuhause.

Ich habe großen Respekt vor den Männern und Frauen, die so wie in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover aus eigener Kraft zu einem lebendigen Judentum gefunden haben. Inzwischen sind l3 liberale Gemeinden zwischen Schleswig-Holstein und München in der 1997 gegründeten »Union progressiver Juden in Deutschland« organisiert. Diese Gemeinden sind egalitär, jung und familienorientiert, werden von dem Engagement ihrer Mitglieder getragen und unternehmen große Anstrengungen zur Integration der russischsprachigen Zuwanderer.
Laut Staatsvertrag vom 27. Januar 2003 verpflichtet sich die Bundesregierung, dem Zentralrat der Juden in Deutschland jährlich einen Betrag von drei Millionen Euro zu zahlen, um so zur Erhaltung und Pflege des deutsch-jüdischen Kulturerbes, zum Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft und den integrationspolitischen und sozialen Aufgaben des Zentralrates in Deutschland beizutragen. Bei der Beschlussempfehlung und im Bericht des Innenausschusses des Deutschen Bundestags waren sich alle Fraktionen einig, dass dieser Vertrag der gesamten jüdischen Gemeinschaft zugute kommen soll. Der Zentralrat, der sich als Stimme aller Juden in Deutschland versteht, tut sich freilich schwer damit, die Liberalen und auch die Nicht-Religiösen einzubeziehen.

Ich vertraue aber darauf, dass sich mehr und mehr Menschen hier zu Lande auf unser jüdisches Erbe in seiner ganzen Vielfalt besinnen. Den Wegbereitern des liberalen Judentums war es gelungen, Aufklärung und Ethik zu verbinden; heute muss man den jungen liberalen Gemeinden ein Wort aus der jüdischen Tradition mit auf den Weg geben: »Es liegt nicht an dir, das Werk zu vollenden, du bist aber auch nicht frei, es zu unterlassen«, so heißt es in den »Sprüchen der Väter«.

Die Ansichten vom deutschen Judentum, die Frederic Brenner in »Diaspora. Heimat im Exil« versammelt hat, sind noch im Schatten der Schoah entstanden und zeugen von Zerrissen- und Beklommenheit. Wünschen wir uns, dass diese Bilder bald Geschichte sind und wir wieder zu einem lebendigen Judentum finden, das voller Widersprüche und Bewegung ist, so wie wir es schon aus der Hebräischen Bibel kennen.

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Hartmut Bomhoff ist Redakteur von »Kescher - Informationen über liberales Judentum im deutschsprachigen Raum«, dem Newsletter des Abraham Geiger Kollegs. Frederic Brenner: Diaspora. Heimat im Exil. Fotografien, Stimmen. Knesebeck-Ver-lag München. 2 Bände im Schuber, zusammen 520 Seiten mit 350 Abbildungen. 98 €.

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