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Pressespiegel Neues Deutschland, 25.02.04 Grenzgänger – Alfred Grosser Er sei ein jüdisch geborener, dem Christentum geistig verbundener Atheist, heißt es über ihn in der deutschen Presse. Alfred Grosser stimmt zu, doch darin erschöpfe sich die Vielfalt seiner Identitäten nicht. »Ich bin Mann und nicht Frau. Es verschafft mir in der französischen Gesellschaft unverdiente Vorteile, in Deutschland auch. Ich bin Beamter und kann nicht arbeitslos werden. Das ist eine ganz besondere soziale Identität. Ich bin alt. Meine vier Söhne arbeiten für mein Ruhestandsgeld. Meine Identität schlechthin ist die Summe aller Identitäten plus etwas, was ich bin. Ich kann ein anderes Beispiel geben: mein Vater war in Frankfurt Kinderarzt, Professor an der Uni, Leiter eines Kinderkrankenhauses, SPD-Wähler, Freimaurer und israelitischer Konfession. Hitler hat seine Identität auf die jüdische reduziert. Aber es gibt auch die Selbstabkapselung, wenn jemand sagt: ich und wir, und dann kommen erst die anderen. Das ist die Gefahr beim Wort >multikulturell<.« 1925 in Frankfurt (Main) geboren, seit 1937 französischer Staatsbürger, hat sich Alfred Grosser als Soziologe, Politikwissenschaftler, Publizist und politischer Kolumnist auch in Deutschland einen Namen gemacht. Noch ist sein Buch »Les fruits de leur abre. Regard athée sur le chrétiens« (»Die Früchte ihres Baumes. Atheistischer Blick auf die Christen«) von 2001 nicht als Übersetzung zu haben - von Belang wäre es hier zu Lande, etwa mit Blick auf die absolute Trennung von Staat und Kirche in Frankreich. 2002 erschien bei C.H. Beck sein Band »Sind die Deutschen anders?«. Sein Resümee: die Deutschen sind längst viel »normaler« geworden, als sie es selbst wahrhaben wollen. Beim Ökumenischen Kirchentag 2003 sprach er über »Ethik mit und ohne Gott im Europa von morgen«. Er kritisierte, dass die Kirchen quasi drei Viertel der Deutschen in den »neuen Ländern« als unmoralisch abstempeln: »Der Glaube an Gott ist nicht nötig, um eine Moral zu begründen. Die Moral gehört nicht den Kirchen. Behaupten, wie Dostojewski es tut, dass, >wenn es Gott nicht gibt, alles erlaubt ist<, bedeutet, dass man sich eine klägliche Idee macht vom Menschen, von Gott und von der Moral.« Heute erhält Alfred Grosser in der französischen Botschaft am Pariser Platz für seine Verbindung von Ethik und Aufklärung den Abraham Geiger Preis 2004. Die Auszeichnung wird vom Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam verliehen, dem ersten deutschen Rabbinerseminar nach der Schoa, das liberale Rabbiner und Rabbinerinnen für Europa ausbildet. |
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