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Märkische Allgemeine Zeitung, 13.11.2000
Warum Potsdam?
Gespräch mit Oberrabbiner Walter Jacob, Präsident des Geiger
Kollegs
Mit einem Festakt wurde gestern im Nikolaisaal das Abraham Geiger Kolleg
eröffnet. Das erste deutsche Rabbinerseminar nach dem Zweiten Weltkrieg
sieht sich in der Tradition der von Geiger gegründeten reformorientierten
Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, die 1942
von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Zur Feierstunde kamen
auch die heute in den USA lebenden Nach- kommen des liberalen Theologen
Geiger, Rudy Baum und dessen Tochter Karen. Präsident des Kollegs,
das im nächsten Jahr im Moses Mendelssohn Zentrum seine Arbeit aufnehmen
soll, wird Oberrabbiner Walter Jacob. Er war 42 Jahre lang Rabbiner in
Pittsburgh (USA). Mit ihm sprach Lane Czeremin.
Herr Jacob, was hat Sie persönlich erwogen, jetzt nach Deutschland
zu kommen?
Walter Jacob: Nun, zunächst bin ich ja in Deutschland geboren, 1930
in Augsburg. Seit ich mich vor drei Jahren aus dem Gemeindeleben in Pittsburgh
zurückgezogen habe, besuchte ich Deutschland öfter und dachte
mir, hier muss man etwas tun für das jüdische Leben, das ja
gerade erst wieder im Aufbau ist.
Warum wurde Potsdam als Platz für das Seminar ausgewählt?
Gab es noch andere Städte, die in Betracht kamen?
Jacob: Nein, man hat sich sofort an Potsdam gewandt, weil es hier das
Moses Mendelssohn Zentrum gibt und einen gut aufgebauten Universitätsstudiengang
für Jüdische Studien. Ich war selbst vor zwei Jahren ein Semester
lang als Gastprofessor am Moses Mendelssohn Zentrum. Daneben spielte
natürlich eine Rolle, dass in Berlin eine große jüdische
Gemeinde existiert. Und wir haben hier Schloss Sanssouci (lächelt),
was könnte schöner sein?
Worauf werden Sie die angehenden Rabbinerinnen und Rabbiner vorbereiten,
was sind heute die zentralen Herausforderungen?
Jacob: Sie müssen lernen, überhaupt ein religiöses Leben
aufbauen zu können. Weil viele Gemeinden so jung sind, ist es schon
schwierig, sie überhaupt zu organisieren. Und vor allem ist es wichtig
für Rabbiner, auch mit jüngeren Leuten arbeiten zu können,
ihnen ein tieferes jüdisches Denken zu vermitteln. Dabei legt das
Kolleg Wert auf Pluralismus.
Nikolaj Epchteine, der stellvertretende Vorsitzende der Potsdamer jüdischen
Gemeinde, sagte zum Festakt, er begrüße Engagement aus verschiedenen
jüdisch religiösen Strömungen. Spielt der Konflikt zwischen
Ihrer liberalen Richtung und orthodoxeren bei der Ausbildung eine Rolle?
Jacob: Für mich ist das kein wirklicher Konflikt. Es gibt genug
für jeden zu tun. Und wir arbeiten gern mit jedem aus der jüdischen
Gemeinde zusammen.
Gab es Widerstände von orthodoxer Seite gegen das Seminar?
Jacob: Am Anfang ja. Aber ich habe schon lange nichts mehr von ihnen
gehört. Sie werden verstanden haben, dass es für die Zukunft
gut ist, wenn man ein Seminar hat, an dem man Rabbiner ausbilden kann.
Wie viele Studenten werden denn im Seminar lernen ?
Jacob: Das wissen wir noch nicht. Wir haben ein Prozedere, dass es uns
ermöglicht, selbst auszuwählen, wer für das Kolleg tatsächlich
geeignet ist. Bisher haben wir 25 bis 30 Bewerber, nicht nur aus Deutschland,
auch zum Beispiel aus Italien, Holland und Polen. Ich habe sie noch
gar nicht alle gesehen.
Wo wohnen Sie derzeit?
Jacob: Ich lebe noch in Pittsburgh. Aber wenn das Seminar nächstes
Jahr beginnt, werde ich in Potsdam wohnen.
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