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Kölner Stadt-Anzeiger, 28/29.02.04
Selbstmitleid als Lieblingssport
Interview mit Alfred Grosser
KÖLNER STADT-ANZEIGER:
Herr Grosser, 1989 haben Sie Deutschland
eine „freudlose Republik " genannt, die das Bestehende anklage,
statt sich über das Erreichte zu freuen. Gilt das noch?
ALFRED GROSSER:
Mehr denn je. Es gibt in Deutschland einen Sport: das Selbstmitleid und
die Klage. Und ein Bonmot besagt: 90 Prozent der Erdbewohner möchten
so unglücklich sein wie die Deutschen.
Wie gefährdet ist Deutschlands Position in Europa und der Welt?
GROSSER: Momentan sind Frankreich und Deutschland unten. Und alle gucken
misstrauisch auf uns. Doch der Wohlstand ist um ein Vielfaches größer
als in den 50er und 60-er Jahren. Momentan geht es darum, ob der Wohlstand
erhalten bleibt. Das Demographie-Problem wird nicht ernst genug genommen.
Es gibt keine echte Familienpolitik.
Werden Deutschland und Frankreich in 20 Jahren noch die Motoren der europäischen
Einigung sein?
GROSSER: Ich bin kein Prophet. Die Ressourcen sind da, um es wieder zu
werden. Man muss nur Regierungen haben, die daran glauben. Außenminister
Joschka Fischer hört man zu diesem Thema seit zwei Jahren nicht
mehr. Er war der Glaubwürdigste. Gerhard Schröder und Jacques
Chirac spielen beide dasselbe Spiel. Wenn etwas gut geht, waren es die
nationalen Regierungen; wenn es schlecht läuft, waren es die in
Brüssel. Das Resultat ist, dass Europa die Bürger nicht mehr
interessiert. Im Übrigen hat man erkannt, dass die alte Kraft von
Kohle und Stahl nicht mehr besteht. Die Zukunft gehört den modernen
Technologien. Darin muss man investieren. Generell allerdings geht es
viel besser, als gesagt wird. Europa bleibt große Export macht.
60 Prozent des deutschen Außenhandels sind europäischer Binnenhandel.
Kein Grund zur Panik?
GROSSER: Gewiss nicht.
Deutschland ist seit 1990 souverän. Ist es auch normal?
GROSSER: Wir haben einen großen Teil unserer Souveränität
an Europa abgegeben. Das wissen die meisten Leute gar nicht. Ansonsten
hoffe ich, dass Deutschland sich nie normalisieren wird. Denn es ist
das einzige Land in Europa, das nicht auf einer Nation aufgebaut worden
ist. sondern auf einer politischen Ethik nämlich auf der Ablehnung
von Nationalismus und Kommunismus. Kein Land hat so viel Vergangenheitsbewältigung
betrieben wie die Bundesrepublik. Das ist keine Verteidigung des furchtbaren
Denkmals, das in Berlin errichtet wird.
Sie meinen das Holocaust-Mahnmal, von dem Sie nichts halten.
GROSSER: Wofür es viele Gründe gibt. Zwei Gründe will
ich nennen: Es ist viel zu groß, und es ist nur für Juden
da.
Die Deutschen sind also ausreichend geläutert?
GROSSER: Das nicht unbedingt. Aber man sollte Auschwitz nicht wie eine
drohende Keule schwingen. Da gebe ich Martin Waiser Recht. Erinnerung
besteht überdies auch in dem Bemühen, dass die Menschenwürde
andernorts nicht verletzt wird - etwa die der Palästinenser.
Wie denken Sie über den Fall Martin
GROSSER: Dessen Rede hätte man verbreiten sollen, statt Hohmann
auszuschließen und ihm dadurch eine Waffe zu geben. Der hat so
dumme Sachen gesagt.
Gibt es ein Defizit der Deutschen, das geschichtlich bedingt ist?
GROSSER: Ja, die ständige Angst, angeklagt zu werden. Außerdem:
Warum setzen sich jüdische Verbände so wenig für andere
ein? Kann der Zentralrat der Juden nie etwas zu Tschetschenien sagen?
In Lateinamerika sind wenige Rabbiner für ihren Einsatz zu Gunsten
der Armen gestorben - aber viele Priester.
Der Bundeskanzler hat während des Irak-Konflikts Aufsehen erregt
wegen seines Wortes vom „ deutschen Weg ". Hat Sie das beunruhigt?
GROSSER: Im Sinne der Tradition von 1848 über Weimar und das Grundgesetz
kann man von einem deutschen Weg sprechen.
Die Äußerung war ein Akt des Widerstandes gegen George W.
Bush.
GROSSER: Das fand ich gut. Es ist ebenso wenig Antiamerikanismus, Bush
zu kritisieren, wie es Antisemitismus ist, Scharon zu kritisieren. Bush
scheint wegen der bevorstehenden Wahlen gezwungen zu sein, wenigstens
gute Beziehungen zu Deutschland und Frankreich zu unterhalten.
Das alte Europa hat gewonnen?
GROSSER: Das nicht. Aber keine amerikanische Administration hat so viel
gelogen wie diese. Regierungen lügen überall. Doch das geht
wirklich sehr weit.
Verkraftet die Europäische Union die Osterweiterung?
GROSSER: Das weiß ich nicht. Ich habe jedoch immer gesagt: Vertiefung
geht vor Erweiterung. Europa steckt ein bisschen in der Sackgasse.
Angesichts dessen dürfte Ihnen die Debatte über den EU-Beitritt
der Türkei abenteuerlich vorkommen?
GROSSER: Ich bin auf der Seite der CDU. Die Türkei wird das größte
Land Europas sein. Doch es gehört nicht zu Europa. Und ich will
keine Grenze mit dem Irak.
Alles in allem hören Sie sich dennoch sehr entspannt an.
GROSSER: Ja. Vom Intellekt her bin ich Pessimist. Aber gefühlsmäßig
bin ich Optimist. Vor ein paar Jahren hat niemand an den Euro geglaubt.
Er werde zu schwach sein, hieß es. Heute kritisieren dieselben
Leute, der Euro sei zu stark.
Was bedeutet Ihnen der Abraham-Geiger-Preis?
GROSSER: Er beweist, dass Paul Spiegel nicht allein das deutsche Judentum
vertritt. Spiegel hat Norbert Blüm einen Antisemiten genannt, weil
er Ariel Scharon kritisiert hat. Für mich ist Blüm die Verkörperung
des gutmütigen Politikers. Ihn des Antisemitismus zu bezichtigen,
ist furchtbar.
Sie haben große Teile des vorigen Jahrhunderts erlebt. Wie kommt
Ihnen die Gegenwart vor? Nähern wir uns wieder einer Zäsur?
GROSSER: 1990 war eine echte Zäsur. Und viele ungewöhnliche
Dinge sind längst normal geworden. Es gibt eine neue Brücke über
den Rhein südlich von Strasbourg. Da ist kein Zollamt drauf und
kein Polizist. Ich bin voller Bewunderung. Doch die jungen Leute sagen:
Na und!
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