Video: Enthüllung einer Gedenktafel anlässlich des 200. Geburtstages von Rabbiner Abraham Geiger in Berlin

Video Feature on the Abraham Geiger College, DW World, January 2007

Reportage über die Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg, Deutsche Welle, Januar 2007

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Kölner Stadt-Anzeiger, 28/29.02.04

Selbstmitleid als Lieblingssport
Interview mit Alfred Grosser

KÖLNER STADT-ANZEIGER:
Herr Grosser, 1989 haben Sie Deutschland eine „freudlose Republik " genannt, die das Bestehende anklage, statt sich über das Erreichte zu freuen. Gilt das noch?

ALFRED GROSSER: Mehr denn je. Es gibt in Deutschland einen Sport: das Selbstmitleid und die Klage. Und ein Bonmot besagt: 90 Prozent der Erdbewohner möchten so unglücklich sein wie die Deutschen.

Wie gefährdet ist Deutschlands Position in Europa und der Welt?

GROSSER: Momentan sind Frankreich und Deutschland unten. Und alle gucken misstrauisch auf uns. Doch der Wohlstand ist um ein Vielfaches größer als in den 50er und 60-er Jahren. Momentan geht es darum, ob der Wohlstand erhalten bleibt. Das Demographie-Problem wird nicht ernst genug genommen. Es gibt keine echte Familienpolitik.

Werden Deutschland und Frankreich in 20 Jahren noch die Motoren der europäischen Einigung sein?

GROSSER: Ich bin kein Prophet. Die Ressourcen sind da, um es wieder zu werden. Man muss nur Regierungen haben, die daran glauben. Außenminister Joschka Fischer hört man zu diesem Thema seit zwei Jahren nicht mehr. Er war der Glaubwürdigste. Gerhard Schröder und Jacques Chirac spielen beide dasselbe Spiel. Wenn etwas gut geht, waren es die nationalen Regierungen; wenn es schlecht läuft, waren es die in Brüssel. Das Resultat ist, dass Europa die Bürger nicht mehr interessiert. Im Übrigen hat man erkannt, dass die alte Kraft von Kohle und Stahl nicht mehr besteht. Die Zukunft gehört den modernen Technologien. Darin muss man investieren. Generell allerdings geht es viel besser, als gesagt wird. Europa bleibt große Export macht. 60 Prozent des deutschen Außenhandels sind europäischer Binnenhandel.

Kein Grund zur Panik?

GROSSER: Gewiss nicht.

Deutschland ist seit 1990 souverän. Ist es auch normal?

GROSSER: Wir haben einen großen Teil unserer Souveränität an Europa abgegeben. Das wissen die meisten Leute gar nicht. Ansonsten hoffe ich, dass Deutschland sich nie normalisieren wird. Denn es ist das einzige Land in Europa, das nicht auf einer Nation aufgebaut worden ist. sondern auf einer politischen Ethik nämlich auf der Ablehnung von Nationalismus und Kommunismus. Kein Land hat so viel Vergangenheitsbewältigung betrieben wie die Bundesrepublik. Das ist keine Verteidigung des furchtbaren Denkmals, das in Berlin errichtet wird.

Sie meinen das Holocaust-Mahnmal, von dem Sie nichts halten.

GROSSER: Wofür es viele Gründe gibt. Zwei Gründe will ich nennen: Es ist viel zu groß, und es ist nur für Juden da.

Die Deutschen sind also ausreichend geläutert?

GROSSER: Das nicht unbedingt. Aber man sollte Auschwitz nicht wie eine drohende Keule schwingen. Da gebe ich Martin Waiser Recht. Erinnerung besteht überdies auch in dem Bemühen, dass die Menschenwürde andernorts nicht verletzt wird - etwa die der Palästinenser.

Wie denken Sie über den Fall Martin

GROSSER: Dessen Rede hätte man verbreiten sollen, statt Hohmann auszuschließen und ihm dadurch eine Waffe zu geben. Der hat so dumme Sachen gesagt.

Gibt es ein Defizit der Deutschen, das geschichtlich bedingt ist?

GROSSER: Ja, die ständige Angst, angeklagt zu werden. Außerdem: Warum setzen sich jüdische Verbände so wenig für andere ein? Kann der Zentralrat der Juden nie etwas zu Tschetschenien sagen? In Lateinamerika sind wenige Rabbiner für ihren Einsatz zu Gunsten der Armen gestorben - aber viele Priester.

Der Bundeskanzler hat während des Irak-Konflikts Aufsehen erregt wegen seines Wortes vom „ deutschen Weg ". Hat Sie das beunruhigt?

GROSSER: Im Sinne der Tradition von 1848 über Weimar und das Grundgesetz kann man von einem deutschen Weg sprechen.

Die Äußerung war ein Akt des Widerstandes gegen George W. Bush.

GROSSER: Das fand ich gut. Es ist ebenso wenig Antiamerikanismus, Bush zu kritisieren, wie es Antisemitismus ist, Scharon zu kritisieren. Bush scheint wegen der bevorstehenden Wahlen gezwungen zu sein, wenigstens gute Beziehungen zu Deutschland und Frankreich zu unterhalten.

Das alte Europa hat gewonnen?

GROSSER: Das nicht. Aber keine amerikanische Administration hat so viel gelogen wie diese. Regierungen lügen überall. Doch das geht wirklich sehr weit.

Verkraftet die Europäische Union die Osterweiterung?

GROSSER: Das weiß ich nicht. Ich habe jedoch immer gesagt: Vertiefung geht vor Erweiterung. Europa steckt ein bisschen in der Sackgasse.

Angesichts dessen dürfte Ihnen die Debatte über den EU-Beitritt der Türkei abenteuerlich vorkommen?

GROSSER: Ich bin auf der Seite der CDU. Die Türkei wird das größte Land Europas sein. Doch es gehört nicht zu Europa. Und ich will keine Grenze mit dem Irak.

Alles in allem hören Sie sich dennoch sehr entspannt an.

GROSSER: Ja. Vom Intellekt her bin ich Pessimist. Aber gefühlsmäßig bin ich Optimist. Vor ein paar Jahren hat niemand an den Euro geglaubt. Er werde zu schwach sein, hieß es. Heute kritisieren dieselben Leute, der Euro sei zu stark.

Was bedeutet Ihnen der Abraham-Geiger-Preis?

GROSSER: Er beweist, dass Paul Spiegel nicht allein das deutsche Judentum vertritt. Spiegel hat Norbert Blüm einen Antisemiten genannt, weil er Ariel Scharon kritisiert hat. Für mich ist Blüm die Verkörperung des gutmütigen Politikers. Ihn des Antisemitismus zu bezichtigen, ist furchtbar.

Sie haben große Teile des vorigen Jahrhunderts erlebt. Wie kommt Ihnen die Gegenwart vor? Nähern wir uns wieder einer Zäsur?

GROSSER: 1990 war eine echte Zäsur. Und viele ungewöhnliche Dinge sind längst normal geworden. Es gibt eine neue Brücke über den Rhein südlich von Strasbourg. Da ist kein Zollamt drauf und kein Polizist. Ich bin voller Bewunderung. Doch die jungen Leute sagen: Na und!

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