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Pressespiegel FAZ, 13.11.2000 Die Wiederbelebung einer liberalen Tradition In Potsdam ist am Sonntag offiziell das Abraham Geiger Kolleg eröffnet worden. Zukünftig werden hier liberale Rabbinerinnen und Rabbiner für jüdische Gemeinden in der Bundesrepublik und anderen europäischen Ländern ausgebildet. Es handelt sich um das erste Rabbinerseminar in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Unter den Gästen der feierlichen Veranstaltung waren die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, der Berliner Kultursenator Christoph Stölzl und der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama. Getragen wird das Kolleg von der Union progressiver Juden in Deutschland, Osterreich und der Schweiz, in der zwölf nicht im Zentralrat organisierte liberale Gemeinden zusammengeschlossen sind. Namensgeber ist mit Abraham Geiger (1810 1874) einer der bedeutendsten Vertreter des religiösen Reformjudentums. 1872 war Geiger Mitbegründer der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, in deren Tradition sich das neue Lehrhaus sieht. "Wir sind der Nachfolger dieser Schule", sagte der Präsident des Kollegs, Oberrabbiner Walter Jacob. Zugleich betonte Jacob den Stellenwert, den das Verständnis anderer Religionen im Denken Abraham Geigers eingenommen hatte. In diesem Sinne wird die Ausbildung in Potsdam mit einem wissenschaftlichen Studium verknüpft sein, in dem die angehenden Rabbiner zugleich einen Magister Abschluss in Jüdischen Studien an der Universität Potsdam erwerben und diesen interdisziplinären Studiengang gemeinsam auch mit nichtjüdischen Kommilitonen absolvieren werden. "Wir brauchen diese Verbindung von Glauben und Wissenschaft", so Jörg Schönbohm in seinem Grußwort: Das Abraham Geiger Kolleg nehme das Land Brandenburg in die Pflicht, "und wir wissen um diese Verpflichtung". Der Vorsitzende des Kuratoriums, "Zeit" Herausgeber Josef Joffe, betonte, dass mit dem Kolleg an die "Hochzeit der gemeinsamen deutsch jüdischen Entwicklung" angeknüpft werde. Im 19. Jahrhundert sei in Deutschland das liberale Judentum als Alternative zu Orthodoxie und Assimilation entstanden. Das Kolleg werde der Garant dafür sein, dass diese Tradition wiederaufblühen werde. Ausdrücklich würdigte Joffe die Rolle von Rabbiner Walter Homolka als "Katalysator und Organisator" des Projektes. Homolka, der bis Ende vergangenen Jahres Vorstandsmitglied der Union progressiver Juden war, leitet derzeit die Kulturstiftung der Deutschen Bank und vertritt zudem den Stiftungsfonds Deutsche Bank im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Dieser errichtet an der Universität Potsdam im Zusammenhang mit der Gründung des Abraham Geiger Kollegs eine Stiftungsprofessur "Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt rabbinische Studien". Nach fünf Jahren wird der Lehrstuhl in die regulären Professuren der Universität übernommen. Universitätsrektor Wolfgang Loschelder gab der Hoffnung Ausdruck, dass sich Potsdam national und international zu einem "wissenschaftlichen Schwerpunkt auf dem Gebiet jüdischen Lebens" entwickeln werde. Im Rahmen der Eröffnung des Kollegs wurde erstmalig der Abraham Geiger Preis für Verdienste um den Pluralismus des Judentums verliehen. Preisträgerin ist die amerikanische Religionsphilosophin Susannah Heschel. Sie wurde für ihr Buch "Abraham Geiger and the Jewish Jesus" ausgezeichnet, das demnächst auch in deutscher Sprache erscheinen wird. Die Laudatio hielt der Schweizer Geschichtsprofessor Ernst Ludwig Ehrlich. In ihrer Dankesrede erinnerte Susannah Heschel daran, dass Geiger der erste jüdische Wissenschaftler gewesen ist, der mit christlicher Theologie so vertraut war, "dass er einen Dialog auf höchstem wissenschaftlichen Niveau zu führen vermochte"; eine Möglichkeit, die die christlichen Theologen zu seinen Lebzeiten jedoch nicht wahrgenommen hätten. Dank seines Vermächtnisses bliebe diese Chance aber heute realisierbar: "Das große Erbe des deutschen Judentums, das Abraham Geiger verkörpert", so Heschel, "ist ein Leitstern für unsere Zukunft." |
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