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Pressespiegel Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2000 Seminar für Rabbiner Wenn am Sonntag vormittag mit dem Abraham-Geiger-College in Potsdam das erste akademische Rabbinerseminar nach dem Zweiten Weltkrieg feierlich eröffnet wird, ist das, um mit Manfred Stolpe zu sprechen, "ein überaus bedeutender Schritt von großer symbolischer Kraft", den nicht nur der brandenburgische Ministerpräsident mit Genugtuung registriert. Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer lobt in ihrer Grußadresse an den Gründungspräsidenten Walter Jacob, daß dieses Seminar endlich die Lücke schließt, die "durch deutsche Schuld vor 60 Jahren geschlagen wurde". Bundesinnenminister Otto Schily spricht von einem "neuen Abschnitt in der Nachkriegsgeschichte der Juden in Deutschland". Doch allein durch Verweise auf die vor achtundfünfzig Jahren durch die Nationalsozialisten gewaltsam unterbrochene Tradition der Rabbinerausbildung in Deutschland ist die Bedeutung dieser Neugründung im Namen Abraham Geigers nicht zu fassen. Denn Rabbi Geiger war nicht nur einer der ersten und bekanntesten Lehrer an der 1870 in Berlin gegründeten Hochschule für die Wissenschaft vom Judentum. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten Theoretiker des jüdischen Liberalismus. Er wollte in seinen Studien nachweisen, daß das Judentum keine unveränderliche Religion war, wie seine orthodoxen Kritiker sagten, sondern sich im Laufe der Geschichte ohne Substanzverlust verändert hat. So lieferte er Ende des 19. Jahrhunderts die religionsgeschichtliche Legitimation für die Modernisierung der jüdischen Religion. Neben den deutschen Politikern, die sich um die inhaltliche Positionierung des Abraham-Geiger-Colleges nicht kümmern müssen, sind es Vertreter des liberalen Judentums, die in der für den morgigen Festakt zusammengestellten Broschüre die dezidiert liberale Neugründung in den höchsten Tönen loben. Die Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner begreift das Seminar als "Katalysator für die Verjüngung des europäischen Judentums". Die "World Union of Progressive Judaism" spricht von einem "wichtigen Meilenstein unserer Bewegung". Der Zentralrat der Juden in Deutschland, der sich aus historischen Gründen einer eher konservativen Linie verpflichtet fühlt, aber hüllt sich in Schweigen, und auch die jüdische Gemeinde Berlins übt Zurückhaltung. Man müsse abwarten, in welche Richtung sich dieses Rabbinerseminar entwickele, heißt es. So will niemand von der Spaltung der deutschen Juden in Liberale und Konservative auch nur reden, bevor das College im Wintersemester 2001/2002 seine Arbeit aufnimmt. Doch manch einer fürchtet schon jetzt, daß das auf Initiative der "Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz" ohne Rücksprache mit dem Zentralrat gegründete Kolleg das Prinzip der jüdischen Einheitsgemeinde in Frage stellen könnte. Der liberale Berliner Rabbi Walter Rothschild versteht diese Neugründung sogar als Verzweiflungstat all derer, die sich in der eher konservativen jüdischen Gemeinde nicht mehr wohl fühlen. "Das College ist der Beweis dafür, daß die heutige Einheitsgemeinde nicht mehr willens oder in der Lage ist, das deutsche Judentum in all seinen Facetten zu vertreten." Diesen scharfen Worten würde Jan Mühlstein, der Vorsitzende der Union, sich freilich nicht anschließen. Er betonte gestern, daß sich das Abraham-Geiger-Kolleg zum Pluralismus bekenne: "Unsere Studenten werden in Gemeinden aller Richtungen tätig sein können." Weil die jüdischen Gemeinden sich ihren Rabbiner traditionellerweise wählen, liegt es in der Hand der Gläubigen, ob sie einen Absolventen des Abraham-Geiger- Kollegs in ihre Synagoge holen oder nicht. |
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