 |
|
Aufbau, 02.11.2000
Abraham Geiger Preis 2000 an Susannah Heschel
Religionsgeschichte gegen den Strich gelesen
Der Aufbau druckt hier vorab Auszüge aus der Akzeptanzrede Susannah
Heschels, die sie zur Verleihung des Abraham Geiger Preises in Potsdam
hält.
Kein anderer jüdischer Denker des 19. Jahrhunderts hat uns ein
so starkes und vitales Vermächtnis hinterlassen wie Abraham Geiger.
In vielen Bereichen der Wissenschaft, im Studium des Islams, des Christentums
und Judentums folgen wir seinem System und bestätigen seine Ergebnisse.
Als liberale Juden unterstützen wir sein Verständnis des rabbinischen
Judaismus, das motiviert ist von dem Wunsch nach der Demokratisierung
der jüdischen Religionsvorschriften, und wir setzen den Weg fort,
den Abraham Geiger angestoßen hat, indem er die Themen benannt
hat, die für unsere Generation von Juden im Vordergrund stehen:
gleiche Rechte für Frauen, ein Ende der Diskriminierung, die auf
sexueller Orientierung basiert, das Verständnis dafür, dass
auf Judentum nicht auf Orthodoxie begrenzt ist.
Wir bleiben ebenfalls bei der Betonung der religiösen Gabe des jüdischen
Volkes und seiner Integration von Fortschritt und neuen Ideen.
Hätte Geiger einen Preis erhalten?
Ich nehme diesen Preis an als posthumen Tribut für die Arbeit eines
sehr großen Lehrers und Rabbis, Abraham Geiger. Und ich frage mich
selbst, was wäre geschehen, wenn ein Preis für jüdische
Forschung in Deutschland verliehen worden wäre noch zu Lebzeiten
Geigers? Hätte er diesen erhalten, und für welche seiner großen
Leistungen?
Geiger hat einmal einen Preis gewonnen, 1832, als er gerade 22 Jahre
alt war, von der Universität Bonn für seine Aufsätze,
die ein Jahr früher als Buch veröffentlicht wurden: Was hat
Muhammad aus dem Judenthume aufgenommen?
Das Buch wurde in ganz Europa begeistert aufgenommen als eine große
Forschungsarbeit. Sylvestre Antoine de Sacy, der namhafte französische
Islamist, erklärte, dass Geigers Buch alle vorherigen Versuche überflüssig
mache, den jüdischen Einfluss auf Mohammed zu zeigen.
Der berühmte deutsche Bibelforscher Heinrich Ewald lobte ebenfalls
dieses Buch, und er schrieb, dass obwohl Beziehungen zwischen Judentum
und Islam unter Forschern bereits bekannt seien, Geiger zum ersten Mal
definitiv die präzisen textuellen Verbindungen herausgearbeitet
habe.
Den Islam erst ermöglicht Geiger war erst 22, als er den Preis
gewann, gerade am Beginn seiner Karriere. Dieses erste Buch war "wichtig,
weil Geiger eine Argumentationsform entwickelte, die für seine späteren
Arbeiten zum Christentum und seinen Verbindungen zum Judentum zentral
wurde. Indem die Herkunft
des Islams vom rabbinischen Judentum bewahrt wurde, formte
Geiger ein historisches Argument; das wir heute die "Gegengeschichte" nennen,
eine Geschichte "gegen den Strich", in Walter Benjamins Formulierung.
Während der ehrwürdige Peter, im Mittelalter, das Judentum
für die Ausbreitung des Islams verantwortlich machte, verkehrte
Geiger dieses Argument. Das Judentum wurde nicht getadelt für den
Islam, sondern gelobt das Judentum, so argumentierte er, verdient Respekt
und Anerkennung dafür, dass es die Entwicklung einer der großen
monotheistischen Religionen ermöglichte, und die Juden sollten stolz
sein auf ihr Geschenk an die westliche Zivilisation.
Mein Buch analysiert beide Seiten des theologischen Skandals, der als
Konsequenz aus Geigers Arbeit folgte, mit besonderem Blick sowohl auf
die jüdische als auch christliche Theologiegeschichte, wie sie in
Deutschland geschrieben wurde. Was offenbaren die Schriften Geigers über
den Zustand der deutschen Juden im 19. Jahrhundert, besonders die Wissenschaft
des Judentums, und was können sie beitragen zu der zeitgenössischen
jüdisch christlichen Diskussion?
Im Laufe meiner Forschung habe ich mich davon überzeugen können,
dass die von Geiger vorgetragenen Argumente dem vorherrschenden Bild
der Wissenschaft des Judentums widersprechen, Assimilation und Apologetik
zu betreiben ... Geiger gibt weder die Interessen der Juden preis, noch
sucht er einfach. die jüdische Geschichte in das größere
Bild des christlichen Westens zu subsumieren. Stattdessen, so argumentiere
ich in meinem Buch, versuchten jüdische Geschichtler das standardisierte
Portrait europäischer Geschichte zu zerstören, indem sie auf
den christlichen Westen aus der Perspektive der jüdischen Erfahrung
blickten. Das war ein rebellischer Versuch, ein Streit mit der vorherrschenden
Perspektive, wie sie aus christlicher Sicht etabliert wurde. Geigers
Arbeit repräsentiert eine Revolte der Kolonialisierten, indem er
die Instrumente der Geschichtsschreibung anwendet, um Widerstand zu leisten
gegen die christliche intellektuelle Hegemonie. Diese Vorherrschaft funktionierte,
wie Antonio Gramsci es beschrieb, aufgrund der Zustimmung und Partizipation
der Untergebenen.
Die intellektuelle Hegemonie begann zu enden, als in der Wissenschaft
des Judentums die Geschichte der Christenheit nicht beschrieben wurde
als die Wurzel der westlichen Zivilisation, sondern als ein Ast der jüdischen
Geschichte. Das Judentum war nicht ein ausgetrockneter Ast der Bibel,
wie einige Christen glaubten, sondern der Stamm, der zwei Äste hervorbrachte,
Christentum und Islam. In Geigers Analyse versuchte Jesus selbst das
Judentum zu liberalisieren so wie die pharisäischen Rabbiner seiner
Tage. Paulus übernahm die jüdische Botschaft des Monotheismus
and brachte es in die heidnische Welt, vermischte es dabei mit paganen
Vorstellungen, die schließlich als Dogmen dem Judentum fremd waren,
etwa die Inkarnation, die Jungfrauengeburt, die Dreifaltigkeit, Konzepte
also, die Jesus selbst abgewiesen hätte ...
zurück
|