Video: Enthüllung einer Gedenktafel anlässlich des 200. Geburtstages von Rabbiner Abraham Geiger in Berlin

Video Feature on the Abraham Geiger College, DW World, January 2007

Reportage über die Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg, Deutsche Welle, Januar 2007

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Aufbau, 02.11.2000

Am 12. November wird das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam eröffnet
Neue Rabbiner braucht das Land

von Irene Armbruster

Die jüdische Bevölkerung in Europa, auch in Deutschland, wächst. Es gibt zu wenige Rabbiner der liberalen jüdischen Bewegung. Das waren die beiden Beobachtungen, die Rabbiner Walter Jacob ab Mitte der 90er Jahre bei seinen Besuchen in Deutschland machte. Der ehemalige Präsident der Zentralkonferenz Amerikanischer Rabbiner beriet sich mit Kollegen in Amerika und Europa, fand Unterstützer und Mäzene, ein amerikanischer Freundeskreis entstand, und so wird am 12. November das Abraham-Geiger-Kolleg eingeweiht.

Das Ausbildungsinstitut ist der Union Progeressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz angegliedert. Im Frühjahr werden die ersten Studenten aufgenommen, die ganze Entwicklung nennt Rabbi Jacob eine echte „Grassroots“-Bewegung. Damit gibt es in Deutschland zum ersten Mal seit dem Holocaust wieder ein Rabbiner-Seminar, und damit setzt sich auch die Tradition des in Deutschland entstandenen Reformjudentums fort.

Anfang des 19. Jahrhunderts führten kleine Gemeinden in Seesen, Berlin und Hamburg Neuerungen ein. Aus dem Bewußtsein heraus, daß ihr Glauben, trotz eines unantastbaren Kernes, auch von ihrem Leben zu Beginn der Moderne in Deutschland beeinflußt wurde, hielten diese Juden Teile des Gottesdienstes in deutsch ab, holten die Orgel in die Synagoge und dachten über die Stellung der Frau in der Gemeinde nach. Trotz der Aufspaltung des Reformjudentums in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts in drei Richtungen, fand die Bewegung vor allem in Nordamerika großen Zuspruch. Heute sind in Reformgemeinden (Nordamerika) und Liberalen Gemeinden (Europa) rund 1,2 Millionen Menschen engagiert.

Die kleine Bewegung in Deutschland, ausgelöscht durch den Holocaust, ist erst in den letzten Jahren wieder allmählich erstarkt. Organisiert in der Union of Progressive Judaism, leben Juden in Berlin, München, Braunschweig oder Kassel in kleinen Gemeinden. Die Situation ist nicht einfach. Viele in der liberalen Bewegung fühlen sich vom Zentralrat der Juden in Deutschland nicht vertreten. Sie zweifeln die Idee der Einheitsgemeinde an und können mit der Orthodoxie wenig anfangen. Das Rabbiner-Seminar wurde gegründet, um endlich eigene Rabbiner ausbilden zu können, die man vorher zu den Hohen Feiertagen aus den Niederlanden und den USA hat einfliegen lassen. Rabbi Jacob ist so ein „Import“. Er stand der Münchner Gemeinde vor, ganz in der Nachbarschaft zu Augsburg, wo sein Vater bis zur Flucht 1938 ein anerkannter und beliebter Oberrabbiner war. „Deutschland ist jetzt anders“, sagt Jacob, wenn ihn besorgte Juden in den USA ansprechen. „Es ist Zeit, das jüdische Leben dort wieder zu stärken.“

Drei bis fünf Kandidaten werden mit ihrer vierjährigen Ausbildung im Frühjahr beginnen – allerdings erst, nachdem sie auf Herz und Nieren geprüft worden sind. Ein Komitee des Kollegs nimmt nur Studenten auf, die ein wirkliches Interesse am Judentum belegen können und dazu geeignet erscheinen, als Rabbiner mit Menschen umzugehen. Wichtig, so betonen die Informationsunterlagen für die kommenden Rabinatschüler, sei aber auch eine gelebte Spiritualität, erste Grundkenntnisse in Hebräisch und ein längerer Aufenthalt in Israel.

Was folgt, ist eine Ausbildung, die sich an den Lehrplänen der Hebrew Union orientiert, aber vom akademischen Beirat auf Deutschland zugeschnitten wurde. So können die angehenden Rabbiner in der zweiten Hälfte ihres Studiums Russisch lernen: In vielen Gemeinden kommen die Mitglieder aus Russland, und gerade die älteren tun sich schwer mit der deutschen Sprache.

Die Ausbildung, darauf sind die Initiatoren besonders stolz, steht auf drei Säulen und hätte damit Abraham Geiger, einem Verfechter der Wissenschaft, Freude gemacht. Die Studierenden sind nach der Ausbildung nicht nur ordinierte Rabbiner und Rabbinerinnen, sie erwerben auch an den Universitäten Berlin, Potsdam oder Wien einen anerkannten Magisterabschluss in Jüdischen Studien. Die rabbinische Ausbildung selbst wird unter anderem im Moses-Mendelssohn-Institut in Potsdam stattfinden – angesehene Wissenschaftler und Rabbiner haben ihre Lehrtätigkeit zugesagt. Die dritte Säule ist die Begleitung der Studierenden durch aktive Rabbiner. „In einer Stadt wie New York kann ich mir unter 200 Rabbinern einen als Vorbild aussuchen“, betont Rabbi Jacob, „aber in Europa ist sehr wichtig, daß ich den besten Mentor für mich finde“. Um inspirierende Rabbinerinnen und Rabbiner kennenzulernen und andere Gemeinden zu erleben, wird es auch Aufenthalte in den USA oder England geben. Das dritte Studienjahr soll in Israel verbracht werden.

Rabbi Jacob ist nun der Präsident des Abraham-Geiger-Kollegs, ihm stehen ein 12-köpfiger Vorstand und Dekan Rabbiner Tovia Ben-Chorin zur Seite. Daß er in dieser Position wieder viel Zeit in Deutschland verbringen wird, schreckt ihn nicht, auch wenn ihm die Zunahme der antisemitischen Vorfälle Sorgen bereitet: „Wir werden die Situation weiter sehr genau beobachten.“

Abraham Geiger
Der Namensgeber der Kollegs, Abraham Geiger, 1810 in Frankfurt geboren, war eine Art „all-round“ Theologe. Seine Forschungen erstreckten sich nicht auf die Bibel und die Mischna, er arbeitete auch über die historische, philosophische und exegetische Literatur des Mittelalters. Geiger war Historiker, Reformator, ein berühmter Prediger und ein begnadeter Briefeschreiber. Er versuchte in seinen Arbeiten vor allem zu zeigen, daß sich das Judentum bis ins 16. Jahrhundert hinein weiterentwickelt hatte und in einen Dialog mit dem Umfeld getreten war. Der theologische Kern seiner Aussagen war: Die Offenbarung Gottes beschränkt sich nicht auf den Sinai, sondern entsteht immer weiter im Bewußtsein der Juden. Er suchte offensiv das Gespräch und die Auseinandersetzung mit dem Christentum und publizierte die Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie und die Jüdische Zeitschrift Wissenschaft und Leben. Dank seiner Forschungen und in Folge der Auseinandersetzung mit der europäischen Geistesgeschichte wurde der Rabbiner, der Gemeinden in Wiesbaden, Breslau, Frankfurt und Berlin leitete, zu einem der führenden Köpfe des Reformjudentums. Als besonders wichtig empfand Abraham Geiger neben der Spiritulität auch die wissenschaftliche Herangehensweise an die Inhalte und die Geschichte des Judentums. Deshalb gründete er 1872 die „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“.

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