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Aufbau, 02.11.2000
Am 12. November wird das Abraham-Geiger-Kolleg
in Potsdam eröffnet
Neue Rabbiner braucht das Land
von Irene Armbruster
Die jüdische Bevölkerung in Europa, auch in Deutschland, wächst.
Es gibt zu wenige Rabbiner der liberalen jüdischen Bewegung. Das
waren die beiden Beobachtungen, die Rabbiner Walter Jacob ab Mitte der
90er Jahre bei seinen Besuchen in Deutschland machte. Der ehemalige Präsident
der Zentralkonferenz Amerikanischer Rabbiner beriet sich mit Kollegen
in Amerika und Europa, fand Unterstützer und Mäzene, ein amerikanischer
Freundeskreis entstand, und so wird am 12. November das Abraham-Geiger-Kolleg
eingeweiht.
Das Ausbildungsinstitut ist der Union Progeressiver Juden in Deutschland, Österreich
und der Schweiz angegliedert. Im Frühjahr werden die ersten Studenten
aufgenommen, die ganze Entwicklung nennt Rabbi Jacob eine echte „Grassroots“-Bewegung.
Damit gibt es in Deutschland zum ersten Mal seit dem Holocaust wieder
ein Rabbiner-Seminar, und damit setzt sich auch die Tradition des in
Deutschland entstandenen Reformjudentums fort.
Anfang des 19. Jahrhunderts führten kleine Gemeinden in Seesen,
Berlin und Hamburg Neuerungen ein. Aus dem Bewußtsein heraus, daß ihr
Glauben, trotz eines unantastbaren Kernes, auch von ihrem Leben zu Beginn
der Moderne in Deutschland beeinflußt wurde, hielten diese Juden
Teile des Gottesdienstes in deutsch ab, holten die Orgel in die Synagoge
und dachten über die Stellung der Frau in der Gemeinde nach. Trotz
der Aufspaltung des Reformjudentums in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts
in drei Richtungen, fand die Bewegung vor allem in Nordamerika großen
Zuspruch. Heute sind in Reformgemeinden (Nordamerika) und Liberalen Gemeinden
(Europa) rund 1,2 Millionen Menschen engagiert.
Die kleine Bewegung in Deutschland, ausgelöscht durch den Holocaust,
ist erst in den letzten Jahren wieder allmählich erstarkt. Organisiert
in der Union of Progressive Judaism, leben Juden in Berlin, München,
Braunschweig oder Kassel in kleinen Gemeinden. Die Situation ist nicht
einfach. Viele in der liberalen Bewegung fühlen sich vom Zentralrat
der Juden in Deutschland nicht vertreten. Sie zweifeln die Idee der Einheitsgemeinde
an und können mit der Orthodoxie wenig anfangen. Das Rabbiner-Seminar
wurde gegründet, um endlich eigene Rabbiner ausbilden zu können,
die man vorher zu den Hohen Feiertagen aus den Niederlanden und den USA
hat einfliegen lassen. Rabbi Jacob ist so ein „Import“. Er
stand der Münchner Gemeinde vor, ganz in der Nachbarschaft zu Augsburg,
wo sein Vater bis zur Flucht 1938 ein anerkannter und beliebter Oberrabbiner
war. „Deutschland ist jetzt anders“, sagt Jacob, wenn ihn
besorgte Juden in den USA ansprechen. „Es ist Zeit, das jüdische
Leben dort wieder zu stärken.“
Drei bis fünf Kandidaten werden mit ihrer vierjährigen Ausbildung
im Frühjahr beginnen – allerdings erst, nachdem sie auf Herz
und Nieren geprüft worden sind. Ein Komitee des Kollegs nimmt nur
Studenten auf, die ein wirkliches Interesse am Judentum belegen können
und dazu geeignet erscheinen, als Rabbiner mit Menschen umzugehen. Wichtig,
so betonen die Informationsunterlagen für die kommenden Rabinatschüler,
sei aber auch eine gelebte Spiritualität, erste Grundkenntnisse
in Hebräisch und ein längerer Aufenthalt in Israel.
Was folgt, ist eine Ausbildung, die sich an den Lehrplänen der Hebrew
Union orientiert, aber vom akademischen Beirat auf Deutschland zugeschnitten
wurde. So können die angehenden Rabbiner in der zweiten Hälfte
ihres Studiums Russisch lernen: In vielen Gemeinden kommen die Mitglieder
aus Russland, und gerade die älteren tun sich schwer mit der deutschen
Sprache.
Die Ausbildung, darauf sind die Initiatoren besonders stolz, steht auf
drei Säulen und hätte damit Abraham Geiger, einem Verfechter
der Wissenschaft, Freude gemacht. Die Studierenden sind nach der Ausbildung
nicht nur ordinierte Rabbiner und Rabbinerinnen, sie erwerben auch an
den Universitäten Berlin, Potsdam oder Wien einen anerkannten Magisterabschluss
in Jüdischen Studien. Die rabbinische Ausbildung selbst wird unter
anderem im Moses-Mendelssohn-Institut in Potsdam stattfinden – angesehene
Wissenschaftler und Rabbiner haben ihre Lehrtätigkeit zugesagt.
Die dritte Säule ist die Begleitung der Studierenden durch aktive
Rabbiner. „In einer Stadt wie New York kann ich mir unter 200 Rabbinern
einen als Vorbild aussuchen“, betont Rabbi Jacob, „aber in
Europa ist sehr wichtig, daß ich den besten Mentor für mich
finde“. Um inspirierende Rabbinerinnen und Rabbiner kennenzulernen
und andere Gemeinden zu erleben, wird es auch Aufenthalte in den USA
oder England geben. Das dritte Studienjahr soll in Israel verbracht werden.
Rabbi Jacob ist nun der Präsident des Abraham-Geiger-Kollegs, ihm
stehen ein 12-köpfiger Vorstand und Dekan Rabbiner Tovia Ben-Chorin
zur Seite. Daß er in dieser Position wieder viel Zeit in Deutschland
verbringen wird, schreckt ihn nicht, auch wenn ihm die Zunahme der antisemitischen
Vorfälle Sorgen bereitet: „Wir werden die Situation weiter
sehr genau beobachten.“
Abraham Geiger
Der Namensgeber der Kollegs, Abraham Geiger, 1810 in Frankfurt geboren,
war eine Art „all-round“ Theologe. Seine Forschungen erstreckten
sich nicht auf die Bibel und die Mischna, er arbeitete auch über
die historische, philosophische und exegetische Literatur des Mittelalters.
Geiger war Historiker, Reformator, ein berühmter Prediger und ein
begnadeter Briefeschreiber. Er versuchte in seinen Arbeiten vor allem
zu zeigen, daß sich das Judentum bis ins 16. Jahrhundert hinein
weiterentwickelt hatte und in einen Dialog mit dem Umfeld getreten war.
Der theologische Kern seiner Aussagen war: Die Offenbarung Gottes beschränkt
sich nicht auf den Sinai, sondern entsteht immer weiter im Bewußtsein
der Juden. Er suchte offensiv das Gespräch und die Auseinandersetzung
mit dem Christentum und publizierte die Wissenschaftliche Zeitschrift
für jüdische Theologie und die Jüdische Zeitschrift Wissenschaft
und Leben. Dank seiner Forschungen und in Folge der Auseinandersetzung
mit der europäischen Geistesgeschichte wurde der Rabbiner, der Gemeinden
in Wiesbaden, Breslau, Frankfurt und Berlin leitete, zu einem der führenden
Köpfe des Reformjudentums. Als besonders wichtig empfand Abraham
Geiger neben der Spiritulität auch die wissenschaftliche Herangehensweise
an die Inhalte und die Geschichte des Judentums. Deshalb gründete
er 1872 die „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“.
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