Video: Enthüllung einer Gedenktafel anlässlich des 200. Geburtstages von Rabbiner Abraham Geiger in Berlin

Video Feature on the Abraham Geiger College, DW World, January 2007

Reportage über die Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg, Deutsche Welle, Januar 2007

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Dankesrede von Prinz Hassan bin Talal

04.03.2008


Rede Seiner Königlichen Hoheit,
Prinz El Hassan bin Talal,
anlässlich der Entgegennahme des
ABRAHAM-GEIGER-PREISES
am 4. März 2008
in Berlin

Sehr verehrte Damen und Herren,

es ist mir wahrhaft eine unerwartete Ehre, zum diesjährigen Empfänger des prestigeträchtigen Abraham-Geiger-Preises gewählt worden zu sein. Dies gibt mir die Möglichkeit, meinem tief empfundenen Dank für diese Krönung meiner fortgesetzten Verbindung mit diesem bedeutenden Bildungszentrum Ausdruck zu verleihen, dessen Zielsetzungen so sehr meinen eigenen Zielen entsprechen.

Ich stehe heute vor diesem erlauchten Kolleg, das bei der Rückbesinnung auf seine Wurzeln Anlass zu geistiger und intellektueller Demut geben sollte, nicht als Intellektueller vor Ihnen, sondern als ein Individuum, das für gemeinsame Werte und Erfahrungen spricht.

Abraham Geiger, nach dem dieser Preis benannt ist, war nicht nur ein Wunderkind, ein überaus fähiger Historiker und ein Mann von immensem Mut und Intellekt, sondern trat vor allen Dingen für drei grundlegende Prinzipien ein: die Gewissens- und Glaubensfreiheit, die akademische Freiheit und die politische Freiheit der gesamten Menschheit. Sein Einfluss auf die Gestaltung des Reformjudentums kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, und seine Fokussierung auf die Bewahrung der Vergangenheit durch kreativen Dialog mit der Gegenwart findet auch heute noch starken Widerhall.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, daran zu erinnern, was der libanesische Autor Amin Maalouf schreibt: „Eine Doktrin geht nicht dadurch zugrunde, dass sie kritisiert oder gar angegriffen wird; sie kann jedoch daran zugrunde gehen, dass man sie unempfänglich für jede Kritik macht.“

Als ich vor einigen Jahren an der Sorbonne sprach (es war im Jahr 2004), warf ich die Frage von conscience universelle et valeurs partagées(universellem Gewissen und gemeinsamen Werten) auf, und ich bin überzeugt davon, dass es möglich ist, in diesem Land, das so berühmt ist für seine großen Philosophen, seine Kunst, seine Musik, seine Mathematiker und das Streitgespräch, ein gemeinsames Gewissen zu entwickeln, indem wir durch unsere gemeinsamen Erfahrungen füreinander Verständnis aufbringen.

Um es mit den Worten von Imam Shatibi zu sagen: „Nu’adhem al-juwaame’ wa nahtarem al-furooq“- wir betonen die Gemeinsamkeiten und respektieren gleichzeitig die Unterschiede. Ich rede hier keinesfalls Gegenüberstellungen oder einer Synthese das Wort. Ich bevorzuge es, durch Analogieschlüsse zu lernen, was Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit erfordert, nicht nur hin-, sondern auch zuzuhören. Wir alle haben - Gott weiss - genug Monologe über den Dialog ertragen.

In seinem Vorwort zu einer beachtenswerten Sammlung von Aufsätzen mit dem Titel: Re-orienting the Renaissance: Cultural Exchanges with the East“hebt William Dalrymple die Tatsache hervor, dass - und ich zitiere: … das geistige Erwachen, das die Renaissance verkörperte, fast ebenso sehr dem Zusammenspiel von Orient und Okzident wie einem auf griechischen und römischen Wurzeln aufbauenden Prozess der Selbstfindung geschuldet war.“[1]

Erst im vergangenen Jahr hatte ich beim Festvortrag zum Leibniz-Tag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Gelegenheit, den Beitrag zu würdigen, den alle Kulturen zu unserer heutigen globalen Zivilisation geleistet haben. Einen Beitrag, an dem, wie aus den Geniza-Fragmentenhervorgeht, das Judentum seit den frühesten Zeiten einen maßgeblichen Anteil hatte.

Auch heute noch hören wir immer wieder unbestimmte Hinweise auf Kulturen im Kontext von Religion - auf eine jüdische, christliche oder islamische Kultur, wobei unterstellt wird, dass zwischen ihnen irgendeine Art von Widerspruch besteht - dass diese sich gegenseitig ausschließen und notwendigerweise unvereinbar miteinander sind oder einander sogar feindlich gegen­überstehen. Dennoch verkörpert jede einzelne von ihnen in ihrer ureigenen Form die potenziell zivilisatorische Kraft des Glaubens. Als jeweils universelle Religion lässt sich keine von ihnen zeitlich oder räumlich abgrenzen. Sie verkörpern unterschiedliche Ausdrucksformen der gleichen ‚zivilisatorischen‘ Werte; verschiedene Interpretationen des ewigen Bundes. Somit können sie ohne ein Risiko von Gegensätzen in ein und derselben Gesellschaft präsent sein - und in ein und derselben Welt, ohne dass dadurch zwangsläufig Konfrontationen ausgelöst werden.

In gleicher Weise gibt es keinen Gegensatz zwischen Patriotismus und Glauben.

Als ich Auschwitz im Jahr 2000 besuchte, wurde ich sehr höflich gefragt: “Warum sind Sie gekommen?“ Die vielleicht einfachste Antwort ist, dass mich mein tiefes Gefühl der Mitmenschlichkeit an diesen schrecklichen Ort gezogen hat. Er erinnerte mich daran, zu welchen Untaten der Mensch fähig ist, und er gab mir Hoffnung. Als die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes unterzeichnet wurde, war es meine Schwiegermutter, die Begum Ikramullah, die als Mitglied der Pakistanischen Delegation bei den Vereinten Nationen 1948 die Arbeit Professor Raphael Lemkins unterstützt hatte, der 24 Familienmitglieder im Holocaust verloren hatte. Raphael Lemkin definierte „Völkermord“ als einen „koordinierten Plan aus verschiedenen Handlungen, die auf die Zerstörung der wesentlichen Lebensgrundlagen nationaler Gruppen und ihre Auslöschung abzielten“. Lemkin propagierte die Ächtung von Völkermord als Verbrechen unter internationalem Recht. Seine Bemühungen waren ein Vorspiel für die Einfügung eines Artikels zum Verbot von Völkermord in die Carta der Vereinten Nationen im Dezember 1948, der im Januar 1951 Gültigkeit erlangte.

Unsere Verantwortung ist es heute, dass dieser Artikel und die gesamte internationale Menschenrechtsgesetzgebung allgemein und vorurteilslos angewendet wird. In diesem Geist nehme ich diese Auszeichnung heute entgegen.

Als Muslime, Juden und Christen unterliegen wir alle dem gemeinsamen Erbe des spirituellen Dienstes unter ein und demselben Gott. Leider teilen wir auch die Sünde der Abweichung von den wahren Grundlagen des Glaubens. Ironischerweise untergraben viele Personen in dem Bemühen, die Traditionen und Sitten unserer gemeinsamen Zivilisation zu bewahren, die Grundfesten, auf denen sie aufgebaut wurde. Die Kinder Abrahams sind von ihrem Weg abgekommen.

Sehr verehrte Damen und Herren,

Dass das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit gestillt wird, ist der Schlüssel zu besseren Beziehungen zwischen und innerhalb von Nationen und ihren Völkern.

Die Herausforderung für uns alle besteht darin sicherzustellen, dass die Auswirkungen der technologischen Entwicklung, der sozialen Veränderungen und der Globalisierung nicht zu einer weiteren Entrechtung oder Verunsicherung von Teilen unserer Gesellschaften führen. Ich bin der Meinung, dass wir diese Herausforderung mit Einigkeit und Zusammenhalt angehen und dabei Kraft aus unserem Glauben und aus unseren gemeinsamen Werten schöpfen müssen. Unser zukünftiges Wohlergehen hängt von einem ganzheitlichen Herangehen an Menschlichkeit und das Sicherheitsbedürfnis des Einzelnen ab, das notwendigerweise die stummen Opfer oder die „zum Schweigen gebrachte Mehrheit“ einschließt.

Der Helsinki-Prozess für Globalisierung und Demokratie und der Barcelona-Prozess für euro-mediterrane Partnerschaft haben drei miteinander verbundene Kategorien von menschlichen Beziehungen umrissen: Sicherheit, Wirtschaft und Kultur. Wir müssen diese in eine schlüssige Strategie mit einer im Kern humanitären Vision einfließen lassen. Ich denke, dass das Wissen über unseren jeweiligen Glauben und unsere mannigfachen Errungenschaften dazu verhelfen kann, dies voranzutreiben und uns in Erinnerung zu bringen, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten haben, als uns häufig bewusst ist.

Für Europa ist Migration ein unvermeidlicher Aspekt der wirtschaftlichen Globalisierung, wodurch die Probleme, mit denen Bevölkerungen in weit entfernten Gegenden der Welt zu kämpfen haben, mitten in das Herz der europäischen Gesellschaften gelangen. Ethnische und religiöse Gruppen sind in dem Maße, wie sich traditionelle Grenzen verschieben und Gruppen in einem immer höherem Tempo zerfallen und sich neu bilden, nicht mehr auf eine bestimmte Region beschränkt. Und wir alle wurden schon Zeugen, wie sich aus Unterdrückung ergebende Konflikte rasch von ihrem Epizentrum aus ausbreiten können.

Seit den tragischen Ereignissen vom 11. September 2001 und den nachfolgenden Schrecken ist die Welt für Muslime ein sehr viel weniger einladender Platz geworden. Die bloße Verurteilung eines solchen verabscheuungswürdigen und unislamischen Verhaltens reicht nicht aus. Vielmehr liegt es an den Muslimen, wie Großmufti Mustafa Ceric in seiner bemerkenswert weitsichtigen und sachbezogenen Erklärung der europäischen Muslime[2] deutlich gemacht hat, und ich zitiere: „… der ganzen Welt den nicht gewalttätigen Charakter ihres Glaubens vor Augen zu führen und ihre Kinder zu lehren, dass der richtige Weg zum Erfolg in dieser Welt und zur Errettung im Jenseits nicht das Argument der Gewalt, sondern die Gewalt der friedlichen Argumentation ist“.

Bei dieser Gelegenheit fühle ich mich verpflichtet, einige unserer Helden der arabischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu erwähnen: Si ali Sakkat, Gouverneur von Tunis, der sein Haus sechzig jüdischen Gefangenen geöffnet hatte, die aus dem Gefängnis geflohen waren. Und Khaled Abdel Wahhab, Sohn eines berühmten tunesischen Schriftstellers, der mehrere jüdische Familien inmitten der Nacht aus ihrem Versteck holte, um eine Jüdin vor Vergewaltigung zu bewahren.. Erwähnen möchte ich auch die Bemühungen vieler algerischer Immigranten in Frankreich, die in ihrer Moschee jüdische Kinder versteckten und beschützten.

Die Muslime in Europa, gleich ob Zuwanderer oder hier in erster, zweiter oder dritter Generation lebend, müssen unter Beweis stellen, dass: „… europäische Muslime sich vollkommen und unmissverständlich zur Rechtsstaatlichkeit, zu den Grundsätzen der Toleranz, den Werten von Demokratie und Menschenrechten sowie zu der Überzeugung bekennen, dass jedes menschliche Wesen Anspruch auf fünf unveräußerliche Grundrechte hat: das Recht auf Leben, das Recht auf seinen Glauben, das Recht auf Freiheit, das Recht auf Eigentum und das Recht auf Menschenwürde.“ Sie müssen nach seinen Worten begreifen, dass sich die Muslime ihre Freiheit in Europa verdienen müssen und dass dies nur dadurch erreicht werden kann, dass sie rückhaltlos ihre wirtschaftliche, politische und kulturelle Verantwortung auf sich nehmen. Im Gegenzug, merkt er an, dürfen sie dafür auch einiges erwarten.

Im Kern geht es hier um eine Frage der Identität, und in diesem Bereich können Menschen mit gemeinsamer Erfahrung als religiöse Gemeinschaften einander behilflich sein, sich ohne Assimilation auf metaphysischer Ebene (bzw. ohne jede Aufgabe ihrer Loyalität gegenüber Gott) in vollem Umfang als loyale Mitglieder der Zivilgesellschaft einzubringen. Der Koran gemahnt uns, dass Verschiedenheit und Vielfalt als Bereicherung begrüßt werden sollten und voll und ganz unter die göttliche Vorsehung fallen.

Und um es mit den Worten des Erzbischofs von Canterbury, Dr. Rowan Williams, zu sagen: „Wir alle wachsen durch unsere Begegnung mit dem Gegenüber. Ganz besonders wachsen wir durch die Begegnung mit jenem göttlichen Gegenüber, das uns anspricht, bewegt, beurteilt, herausfordert und heilt. Doch wir wachsen auch in der Begegnung mit jenen menschlichen Gegenübern, die uns auf verschiedene Weise etwas von Gott nahe bringen, das Türen in unserem innersten Selbst öffnet, deren wir uns anders nicht bewusst geworden wären.“[3]

Auch in meiner Heimatregion muss die religiöse Sphäre die gesellschaftliche ergänzen. Die Politisierung und die Degradierung unserer religiösen Hierarchien und unserer heiligen Städte haben einen Freiraum für diejenigen geschaffen, die in einem Klima des Fanatismus und der Intoleranz gedeihen. Heutzutage sind Gemeinwohl und Selbstlosigkeit aus der öffentlichen Ordnung verschwunden. Der Grundsatz des Zakat, einer der fünf Pfeiler des Islam, der den Gläubigen verpflichtet, einen bestimmten Anteil seines Vermögens in den Aufbau einer Zukunft für die Armen zu investieren, wurde durch den Nationalstaat gekippt, ohne an Ersatz oder die Folgen zu denken, und schlechtgeredet, indem er mit Terrorismus in Zusammenhang gebracht wurde.

Solange dieses gefährliche Missverhältnis nicht erkannt und angegangen wird, werden die Kanzelprediger und selbst ernannten Heiligen, die verzweifelte und verlorene Seelen umgarnen, weiter unsere Geschichte, unseren Glauben und unsere Bedürfnisse verdrehen und entstellen - mit schrecklichen Konsequenzen. Deren Zunft des Hasses feierte, genährt durch die Entfremdung und Entmündigung, die so leicht zu religiösem Fanatismus führt, in den vergangenen Jahren fröhliche Urständ’. Als abscheuliche Begleiterscheinung fordert sie die Leben von unschuldigen Opfern und die der fehlgeleiteten Täter, der Selbstmord-Nihilisten. Und lassen Sie uns nicht vergessen, dass wir uns, solange wir nicht handeln, alle der Vorschubleistung für diese hasserfüllten Subjekte mitschuldig machen, und ich zitiere die machtvollen Worte von Professor Yehuda Bauer: „… du sollst nicht Täter sein; du sollst nicht Opfer sein; und du sollst niemals, aber auch wirklich niemals unbeteiligt zuschauen.“[4]

Das politische Kräftespiel in unserer Welt ignoriert die existenziellen Bedürfnisse und die Realitäten von Menschen, die sich am Boden befinden. Petropolitik, also Ölpolitik, ist seit langem an die Stelle von Politik für Menschen getreten, und Demokratisierung in meiner Heimatregion wird mit großem Argwohn betrachtet. Demgegenüber hat das internationale Buchstabengebräu von Kürzeln, wie PfP für ‚Partnership for Peace‘, Euromed für ‚Euro-mediterrane Partnerschaft‘ oder OSZE für ‚Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa‘, die jeweils den Regierungen zur Abstimmung bei neuen Herangehensweisen an Sicherheitsfragen dienen sollen, kaum irgendeine Bedeutung für Menschen am Rande des Abgrundes.

Sicherheits-Rahmenabkommen können keine Antwort auf unsere Probleme liefern, und Frieden kann nicht aus Projekten geboren werden. Vielmehr entsteht dieser aus einem Konzept, das sich den essenziellen Bedürfnissen der Menschen zuwendet. Bei einem Gemeinschaftsbewusstsein geht es darum, einander über Ländergrenzen hinweg die Hand zu reichen. Es sind nicht nur die Pipelines, die zählen, sondern vor allem die Menschen, die neben den Pipelines leben, die Iraker, viele von ihnen vertrieben, die ohne Wasser und Strom bei extremer Hitze und Kälte leiden. Sie benötigen nicht nur Reparaturen an der materiellen Infrastruktur, sondern auch an ihren Herzen und Gemütern - einen psychologischen Nachkriegs-Wiederaufbau - damit sie wieder an ihrer eigenen Zukunft teilhaben können.

Darüber hinaus benötigt der Nahe Osten dringend Unterstützung bei der Erarbeitung einer regionalen Stabilitätscharta, die Verhaltensnormen, Ziele für die regionale Zusammenarbeit und die Mechanismen für einen regionalen Kohäsionsfonds zur Bewältigung des Problems der Unterentwicklung und zur Finanzierung neuer Infrastruktur umfassen sollte. Die Komplementaritäten zwischen Ländern, die über reiche menschliche Ressourcen verfügen, und Erdöl produzierenden Staaten sollten nutzbar gemacht werden, während energiebezogene Investitionen von den alten Märkten des Westens in das problembelastete Hinterland des Persischen Golfs umgelenkt werden müssen. Das letztendliche Ergebnis wäre ein in gegenseitigen Abhängigkeiten miteinander verflochtener Naher Osten, wo Wachstum und Stabilität gedeihen könnten.

Globalisierung steht nicht nur einfach für die Verbreitung des Kapitalismus oder engere wirtschaftliche und politische Beziehungen, sondern sie bedeutet auch eine Chance, unser Gemeinschaftsbewusstsein hervorzuheben. Dieser universelle Ansatz setzt Mitgefühl und Selbstlosigkeit sowie eine Bereitschaft voraus, beide Seiten zu verstehen und die Nöte des jeweils anderen wahrzunehmen.

Die Hauptsorge aller Regierungen und der internationalen Gemeinschaft muss der Wiederherstellung der Menschenwürde in unseren Gesellschaften gelten. Dies kann nur durch Anwendung gerechter Gesetze und durch Eindämmung unersättlicher Interessengruppen auf allen Seiten geschehen. Interventionen und Einschüchterungen zu politischen, ideologischen und finanziellen Zwecken haben das Gefüge der Harmonie in den Gemeinwesen, das es in unserer Region jahrhundertelang gegeben hat, gründlich zerstört. Europa steht indessen mit dem Zerfall der Familie, der Jugendentfremdung und fehlendem sozialen Zusammenhalt seinen eigenen Problemen gegenüber.

In den ersten Jahren dieses neuen Jahrtausends hat die Menschheit eine Welt geschaffen, in der von egoistischen Politikern und aufgebrachten Massen die Unterschiede zelebriert werden. In diesem Zeitalter des inhaltslosen Geredes und der Schönfärberei sind wir weniger geneigt zu glauben, dass es in der Geschichte unserer Völker noch mehr Gemeinsamkeiten gibt als Kampf und Trennung. Unsere gemeinsamen Traditionen können uns jedoch noch so viel mehr lehren.

In der Tat hat mich mein tief empfundenes Bewusstsein für unser gemeinsames Erbe veranlasst, zu einer Anerkennung der moralischen und philosophischen Autorität der heiligen Stätten und Städteaufzurufen. Die religiöse Autorität muss über die weltliche erhoben werden. Die zivilisatorischen Bindungen, die in uns allen gegenüber diesen einzigartigen Bauwerken bestehen, müssen zu der Forderung führen, dass diese nicht zu Faustpfändern in politischen und ideologischen Kämpfen werden dürfen.

Jede Religion zelebriert das Konzept der „Wahrheit“ im Glauben. Doch für jeden aufgebrachten Gläubigen, der sich nicht die Zeit genommen hat, um seiner Seele Nahrung zu geben und sein spirituelles Erbe zu untersuchen, verliert die Wahrheit ihre Bedeutung, und die Gewalt wird sanktioniert. Gewalt und Glauben sind für Juden und Muslime unvereinbare Gegensätze, und durch eine Entstellung des Glaubens gerechtfertigte Gewalt ist vielleicht die größte Bedrohung für den Frieden in unserer Region und unserer Welt.

In einem neuen, bereits durch tragische Konflikte gezeichneten Jahrhundert müssen wir uns den Glauben an unsere Fähigkeit bewahren, die unzähligen Schwierigkeiten, mit denen wir konfrontiert sind, zu bewältigen. Uns steht ein Erbe der Hingabe und Entdeckung zur Verfügung, das uns durch diese dunkleren Tage geleitet.

Wir leben in einer Welt, die immer mehr durch das Gesetz des Krieges geprägt wird, das einer zum Schweigen gebrachten Mehrheit kaum Zugeständnisse einräumt. Mit der Hilfe unserer kollektiven Weisheit - der Anthropologie des Wissens - können wir jedoch, wie ich hoffe, alle unseren Beitrag leisten, um, mit den Worten von Hersch Lauterpacht, ein Gesetz des Friedens zu schaffen, das die Beziehungen zwischen Staaten und Menschen regelt, um eine positive Position im Kontext unseres Glaubens nicht nur in Bezug auf den einzelnen Menschen, sondern auch auf unsere kollektive Verantwortung zu bestimmen, und um im Rahmen der Globalisierung Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu gewährleisten, die zu gegenseitiger Zusammenarbeit, Weltoffenheit und letztlich zu Konvivialität führen.

Lassen Sie mich mit den Worten meines geschätzten Freundes, Rabbiner Professor Jonathan Magonet schließen, die er bei seinem Gottesdienst an Rosch ha‑Schanah im September 2002 sprach:

„Zu einer Zeit, in der der Extremismus auf dem Vormarsch zu sein scheint, in der Vorurteile jede Hoffnung ersterben lassen, die Menschlichkeit ‚des Anderen‘ zu erkennen, wollte ich uns eine andere Stimme in Erinnerung bringen. … Irgendwo in diesen gemeinsamen Gefühlen muss es einen Weg für uns geben, auf dem wir abseits des Konflikts, der uns alle ohne Unterschied - Juden, Christen, Muslime. Doch es gibt Möglichkeiten, auf der Ebene des religiösen Verständnisses aufeinander zuzugehen. Wann immer wir den Hallel lesen, kann dieser Psalm auch ein Aufruf an uns sein, unsere Engstirnigkeit abzulegen, die alle Menschen in einen Topf wirft, die deren Einzigartigkeit und Menschlichkeit in Abrede stellt und diese auf ein Typenschild oder eine Parole, den Anderen, den Feind reduziert.[5]

‚Um aus dieser Engstirnigkeit herauszukommen,

rief ich Gott an.

Gott antwortete mir mit einer weiteren Sicht auf die Dinge.

Dank sei dem Ewigen, der voll Güte ist,

denn Gottes Liebe ist l’olam, für die ganze Welt.‘“


[1] Re-orienting the Renaissance: Cultural Exchanges with the East; herausgegeben vonGerald MacLean; Palgrave Macmillan, 2005

[2] Eine Erklärung der europäischen Muslime, von Mustafa Ceric, Großmufti von Bosnien

[3] Islam, Christentum und Pluralismus, Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, Erste Zaki-Badawi-Gedächtnisvorlesung, 2007.

[4] Professor Yehuda Bauer, In The Wake of Holocaust Remembrance Day January 27, 2006

[5] Professor Dr. Rabbi Jonathan Magonet, seinerseits Dr. Mtri Raheb vom Internationalen Begegnungszentrum Bethlehem zitierend, Gottesdienst an Rosch ha-Schanah, 18. September 2002.

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